Gerda Heidelmann MundartWieder hatte Gerda Heidelmann-Schink zu einem weiteren Mundartabend eingeladen, bei dem der Heimatverein Niederburg die Patenschaft übernommen hatte. Auch die Zusatzstühle des Gasthauses Rheinblick in Niederburg waren besetzt, als das „Vader unser“ auf Niederburger Platt die Vortragsreihe eröffnete. Es folgte die Episode über „Die fiersorschlische Leit“ bei der die Schilderung „Jetztzeit“ eine große Rolle spielte. Jedem den Spiegel vorhalten, der vorgibt die Welt zu verbessern, aber bei der Ausführung eigentlich an andere gedacht hat, war die hör- und fühlbare Aufforderung an die Gäste eigenes Verhalten zu überdenken.

„Die Buwe“ gewährte einen Einblick in eine Familie mit neun Kindern, sieben Buben und zwei Mädeln. Die Autorin schilderte die ärmlichen Verhältnisse und die schicksalhaften Jahre vor dem 2.Weltkrieg, bei der die eigene Familie auf härteste Proben gestellt wurde. Die unerbittlichen Regeln einer Moralinstanz, die es Kindern und Müttern fast unmöglich machte Luft zu holen. Verlust von Kindern im Krieg aber auch der Tod eines Kindes der Tante, die unverheiratet war berührten die Zuhörer. Dazu kamen die menschenverachtenden Regeln, die von der gläubigen Bevölkerung zu beachten waren. Applaus am Ende, aber der der zögernden Sorte. Früher im zeitigen Frühjahr waren die Bittprozessionen in alle der Ernährung dienenden Regionen der Gemarkung eine feste Instanz. Gebetet wurde um den Segen Gottes für eine gute Ernte und die Verschonung von Wetterunbilden. Die Frage nach dem heutigen Sinn beantwortete Gerda schon im Laufe des Vortrages. Die heutige Versorgung durch Lebensmittel ist sichergestellt, jedoch auf den Segen Gottes kann keiner verzichten.

Den heute Sechzigjährigen ist er noch bekannt, „De Pieremuresch Filep“. Ein großgewachsener, grauhaariger, wortkarger Mann. Sein Leben und das der Familie füllte die folgende Episode. In ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen und im Erwachsenenleben nicht auf Rosen gebettet wohnte und lebte er zusammen mit seiner Schwester und deren Kind im Dorf. Seine Gutmütigkeit und seine Hilfsbereitschaft wurden geschätzt, aber auch ausgenutzt. Ohne Geld und andere Unterstützung wurde versucht der Tochter der Schwester ein zukunftsfähiges Leben zu ermöglichen. Untergebracht in Mainz bei einer Familie wurde die geliebte „Line“ mit dem Handkarren zu Fuß  in mehreren Tag- und Nachtwanderungen besucht. Das Leben des „Linchens“ beleuchtete Gerda Heidelmann-Schink ebenso einfühlsam wie kritisch. Mit der neunzigjährig Verstorbenen hatte Gerda die Sammlung der Gegebenheiten und der Personen besprochen und in ihrer jetzigen Schilderung kritische Töne nicht vergessen.

Kurze Wege zur fußläufigen Verbindung, die Pedscher (kleine Pfade) gab es früher in jedem Dorf, ja in jeder Ansiedlung. Diese führten über fremde Grundstücke und gar durch Gebäude und Schuppen. Hier wurden Wege zu den Feldern aber auch zu Verwandtem, Schulen, Gärten oder ins Backes geführt und in der ruhigen, gemütlichen alten Zeit abgekürzt und auch dort schon „Zeit geschunden“. Längst vergessene Bezeichnungen und Zwecke der Wege wurden lebendig geschildert.

„Die alte Fraue“ beschreibt die genaue Beobachtung des Kirchgangs und des Heimwegs von dort durch die Autorin. Die Frauen nutzen die volle Breite der Straße, um von der Mitte aus den besseren Blickwinkel zu haben. Aber auch die nötigen altersbedingten Pausen und die Hochachtung vor der Leistung der Seniorinnen, die sich zum Gebet aufmachen und nach Hause finden werden lebendig.

„De Minnisch“, eine Erzählung über das Lebensschicksal eines Behinderten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, dessen Leben und dessen Tod waren schon einmal Inhalt eines Mundartabends und trotzdem immer wieder Nachdenkens wert und anrührend.

Die Geschichte einer überaus gelungenen „Wurschtsopp“ und eines Pantoffels mit Zehenlüftung auf Gut Niereburjer Platt „Schlabbe“ genannt, wurde wieder aufgewärmt wenn nicht sogar gekocht. Gerdas Oma hat diese Geschichte in der Familie weitergegeben. Besagte Episode spielte an einem Hausschlachttag vergangener Tage. Die arme Haussau musste in den Kessel und danach in die Wurst wandern. Zur Freude der Nachbar- und Verwandtschaft gab es in den Abendstunden frische Wurstsuppe. So begab es sich aber, dass eines der Kinder die alten „Schlutche“ der Oma mit Zehenloch anzog, um die Arbeiten zu beobachten. Ein Ausrutscher und schon landete der Pantoffel unbemerkt im offen stehenden Deckel des Wurstkessels. Der Rest ist schnell erzählt, Suppe aufgekocht, nachgewürzt, aufgerührt, Pantoffel gefunden, abgespült, Suppe umgerührt und noch einmal abgeschmeckt. Die Verwandtschaft lobte den außergewöhnlich guten Geschmack dieser Suppe von da an.

„Das Tripsje“, diese Geschichte spielt in der Jetztzeit und ist topaktuell und noch nicht fertig. Wer hat es nicht schon oft erlebt, da verirrt sich ein einsamer Wassertropfen im Bad, am Spülkasten an der Dusche oder am Waschbecken. Man beobachtet, man sucht die Ursache, man zieht die Verwandtschaft zu Rate und dann ist die Hoffnung da… der Nachbar ist Fachmann. Mann sitzt mit Autorin und kniet gemeinsam vor dem Klo, der Nachbar und..  und sucht den Weg des „Tripsje“. Dichtungen werden gewechselt, abgetupft, philosophiert und da ist es wieder… das „Tripsje“. Lachen und herzlicher Applaus zum Schluss der Vortragsreihe war wieder sicher. Stephan Menne als Vorsitzender dankte der Autorin im Namen des Heimatvereins für den gelungenen Abend. Gerda Heidelmann-Schink kann sich der Aufmerksamkeit des Publikums sicher sein, wenn sie erneut einlädt zum Abend in „Niereburjer Platt“. Mit neuen Geschichten und vielleicht der Vollendung der Geschichte des „Tripsjes“ oder der „Niereburjer Urmetzel im Weltall“. Besinnliches, Kritisches und jede Menge positiver Mutterwitz, Gerda Heidelmann Schink sorgt für unvergessene Abende und aufmerksame Zuhörer. Versprochen: Fortsetzung folgt.

Hermann Josef Klockner, Ortsbürgermeister