Baum DenkmalKindheitserinnerungen sind oft über Jahre in der Vergessenheit, kehren aber irgendwann wieder, oft unverhofft, oft mit anderer Bedeutung als man sie als Kind empfunden hat.

Es war an einem ersten Weihnachtstag Ende der fünfziger Jahre am frühen erwachenden Tag begann, wie damals üblich, die Christmette um fünf Uhr in der Frühe. Der feierliche Gottesdienst war immer ein besonderes Erlebnis. In der halbdunklen Kirche wirkten Kerzenlicht und Krippe besonders stimmungsvoll, richtig der weihnachtlichen Stimmung entsprechend. Dazu sang der Kirchenchor und die Gemeinde tat dies mit der gleichen Freude zusammen mit dem Orgelspiel.

Nach dem Gottesdienst war an diesem besagten Weihnachtsmorgen etwas anders. Mein Vater, mit dem ich den Gottesdienst besucht hatte, blieb am Denkmal in der Ortmitte stehen.

Vor dem Denkmal stand zum ersten Mal ein kleiner vielleicht nur ein Meter hoher Tannenbaum. Daran befestigt waren kleine Wachskerzen, die trotz aller Versuche im eisigen Wind nicht brennen wollten.

Nach und nach blieben die Niederburgern bekannten Männer schweigend stehen. Erinnern kann ich mich heute noch neben meinem Vater an die Gesichter von Stefan Kremer, Kurt Muders und Paul König. Alle hatten etwas Ungewohntes im Blick, ihre Stimmen klangen nicht wie sonst im Alltag. Irgendeiner, so meine Erinnerung, versprach, dass in Zukunft ein Weihnachtsbaum an dieser Stelle stehen solle. Ein Baum, wie sie während der Kriegszeit in Bunkern und Unterkünften an Weihnachten die Tränen bei den Gedanken an zu Hause haben rinnen lassen. Ein kleiner Baum als Gedanke an die Weihnachten in Kriegsgefangenschaft und der Mangeljahre in der Nachkriegszeit. Ein Baum auch als Erinnerung an Brüder, Väter, Verwandte, Freunde und Schulkameraden die man, ob tot oder vermisst, nie mehr wieder sah.

Danach wurde der Baum an dieser Stelle über lange Jahre von Paul König, der die Pflege des Denkmals als seine Aufgabe angenommen hatte und nach dessen Tod von den Bürgermeistern Kurt Muders und Hermann Rüdesheim als Gemeindeaufgabe gesehen und immer wieder dort aufgestellt.

Vielfaches kann man sich beim Betrachten speziell dieses Baumes denken. An die jungen Menschen, die in der Advents- und Weihnachtszeit im Krieg und während der Gefangenschaft gerne an Niederburg, ihr Zuhause dachten, an die Menschen, die nach diesen schlimmen Zeiten nur schwer mit der Gegenwart und ihrem Erlebten klar kommen mussten. Die über lange Jahre mit ihren Gedanken bei Brüdern, Vätern, Freunden oder Schulkameraden waren und ihren Verlust noch im Alter beklagten.

Vielleicht aber auch den uns heute Lebenden, die wir hoffentlich die lange Friedenszeit zu schätzen wissen. Eine lange Zeit, die früheren Generationen nicht gegönnt war. Bleibt zu hoffen, dass auch in Zukunft der Weihnachtsbaum an dieser Stelle zur Erinnerung und zur Motivation friedlich miteinander umzugehen seinen Lichterglanz verschenkt, in der Familie, im Dorf, im Beruf und allen Menschen guten Willens in Gottes weiter Welt.

Hermann Josef  Klockner, Ortsbürgermeister